Höchst exponiertes Dach überm Kopf

Die Hochstubaihütte auf 3.173 Meter rangiert auf Platz drei der am höchsten gelegenen Schutzhäuser Österreichs und auf Platz zwei der höchstgelegenen Hütten der Stubaier Alpen. Zu Fuß ist sie nur über das Sölder Windachtal im Ötztal zu erreichen. Eine noch größere Herausforderung als der Anstieg ist die Bewirtschaftung dieser Alpinisten-Herberge.

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Steiler Weg durch drei Vegetations­zonen

Den Weg säumen zunächst Bergkräuter und Wildbienen. Silvia, meine Bergführerin, hat extra die Route von Fiegl's Hütte aus wegen des „Überraschungsei-Effekts“ ausgewählt. Der steile Weg schlängelt sich durch drei Vegetationszonen, von den Almwiesen des Windachtals ins karge Gelände oberhalb der Baumgrenze und zuletzt in hochalpines Gelände, das die „Himmelsleiter“ markiert. Diese senkrecht angelegte Treppe im Fels entlässt uns in das Hochplateau, auf dem majestätisch die Hochstubaihütte thront.

Imposant: Von hier aus bietet die Landschaft einen 360 Grad-Panoramablick auf das Ötztal, den Speichersee unterhalb der Hochstubaihütte, auf ein Gipfelkreuz, Gletscherfelder und schroffe Bergflanken.

Im Bann von Natur­schau­spielen

Nach einem köstlichen Abendessen erkunde ich die unberührte Berglandschaft rings um die Hochstubaihütte. Ein Gletscher-Hahnenfuß wächst dickblättrig aus einer Felsspalte heraus. Hinter mir türmen sich Gewitterwolken auf als Kulisse für ein atemberaubendes Sonnenuntergangsspektakel. Am nächsten Morgen scheint die Sonne. Das Thermometer klettert bereits am Vormittag auf 21 Grad Celsius. „Viel zu warm für eine Höhe über 3.000 Metern“, bemerkt Thomas und schaut besorgt zum Wütenkarferner, wo sich die Gletscherspalten wie ein Spinnennetz herausgebildet haben. Er fürchtet, das Ende dieses Gletschers noch zu erleben. Das Geräusch schlagender Rotoren stört die Stille. Ein Helikopter fliegt über die Bergkuppe, voll beladen mit Nahrungsmitteln und Bauholz. Knappe zwölf Flugminuten braucht er für die 1.200 Hoehenmeter vom Tal zur Hochstubaihütte. Wir dagegen brechen gleich nach der Landung des Versorgungsfliegers auf zum mehrstündigen Rückmarsch nach Sölden.

Im Griff der Elemente

Hüttenzauber in Extremlage ruht auf einem Fundament aus straffer Logistik und höherer Improvisationskunst. Bis Mitte der 1990er Jahre versorgten zwei Materialseilbahnen die Hochstubaihütte. Weil sie immer wieder von Lawinen zerstört wurden, stellte man auf Belieferung aus der Luft um. Anfänglich landete eine Cessna auf Kufen auf dem Gletscher vor dem Winterraum. Das geht jetzt nicht mehr, weil das Gletschereis massiv weggeschmolzen ist. Die Urkraft der Elemente stellt oft harte Herausforderungen an die Betreiber. Die Leitungen zum 100m tiefer gelegenen Schmelzwassersee, für den Wasserbedarf der Hütte, tragen die Narben von unzähligen Blitzeinschlägen. Alles ist straffer Logistik unterworfen, von der Vorratsbeschaffung bis zur Müllentsorgung. Dazu zählen während der knapp 3 Monate dauernden Saison außer 650 kg Restmüll auch der organische Müll, den die Gäste in zwei Trockentoiletten hinterlassen. Die Container müssen ein bis zwei Mal pro Saison ausgeschaufelt, ihr Inhalt gut verpackt mit dem Helikopter abtransportiert werden.

Nachhaltigkeit ist die Norm

Auf dem Dach des Winterraums befinden sich neue Solarzellen, die das Dieselaggregat ersetzen. Dieses kommt nur ersatzweise bei tiefer Verschneiung zum Einsatz. Allerdings reicht der Solarstrom nicht für Warmwasser: Duschen gibt es nicht, und das Brennholz zum Heizen bringt der Heli. Ebenso den gesamten Nahrungsvorrat der Saison. Fleisch kommt sofort in die Tiefkühltruhe. Mehr Aufwand machen Lieferung und Lagerung von frischem Obst und Gemüse. Tatsächlich hat die steigende Zahl von Vegetariern die Zahl der Versorgungsflüge verdreifacht. Thomas bringt das Paradox der Hüttenverpflegung auf den Punkt: „Für den Umweltschutz würden die Vegetarier besser tun, hier oben Fleisch zu essen.“ Momentan jedoch fliege der Heli nie leer zurück ins Tal, erzählt Thomas und deutet auf den wachsenden Berg Plastikmüll im Lagerraum. Wegen der Auflagen zum Schutz vor COVID-19 fällt doppelt so viel Plastikmüll an wie zuvor.

Das Match mit dem Luxus gewinnt Überlebens­notwendiges

Überlebensnotwendig auf über 3.000 Meter sind: Nahrung, Brennholz, Gasflaschen, Wasser, besonders Trinkwasser und Stromversorgung für den Hüttenbetrieb. Die warme Dusche oder frisches Gemüse gehören zum Luxus, sind nur unter erheblichem Mehraufwand und höheren Kosten verfügbar. Am einfachsten stellt man sich mal vor, den Luxus in Gestalt von Äpfeln und Karotten selbst hoch und Reste wie leere Flaschen wieder hinunter zu tragen. Der Weg ist steil, der Weg ist weit. Das gilt für den Marsch zur Hochstubaihütte genauso wie für das Meistern unserer globalen ökologische Krise.

Der Hüttenwirt

Der gebürtige Deutsche Thomas Grollmus, langjähriger Heeresbergführer, gelernter Elektriker, leidenschaftlicher Koch, Wasseraufbereitungsexperte und alpiner Ersthelfer vor Ort, bewirtschaftet seit zehn Jahren die Hochstubaihütte. Er ist ein Mensch, der es versteht, sich in jeder Lebenslage selbst zu helfen. Ein Tausendsassa, der flexibel auf die Launen des Berges reagiert. Manchmal wirkt er ein wenig wortkarg. Doch er hat den Blick für das Wesentliche, ist immer um das Wohl seiner Besucher besorgt. Sein Humor blitzt so plötzlich auf wie ein unerwarteter Blick auf den Berg, wenn sich der Nebel schlagartig lichtet. Thomas‘ Frau Kerstin und Tochter Lena packen mit an, um die täglichen Herausforderungen auf einer der höchstgelegenen Schutzhütten Österreichs zu meistern.

Steckbrief Hochstubaihütte

  • Höhe: 3.173 Meter
  • Eigentümer: Sektion Dresden des Deutschen Alpenvereins (DAV)
  • Öffnungszeit: ab ca. 20. Juni bis ca. Mitte September, witterungsbedingte Schwankungen möglich
  • Schwierigkeitsgrad: Konditionell anspruchsvoll
  • Auf einer Wegstrecke von rund 5 km sind 1.200 Hoehenmeter zu überwinden

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Autor

Maren Krings

Die deutsche Autorin, Fotografin und Wahltirolerin bereist seit 2016 viele Länder, um Geschichten von Menschen festzuhalten. Von Menschen, die durch ihre Lebensart negatives Einwirken auf unseren Planeten verhindern. Die ihren ökologischen Fußabdruck verringern, ohne dabei ins Abseits der modernen Welt zu geraten. Einen davon traf sie im Ötztal: den Wirt der Hochstubaihütte.