Ötztaler Berge: Das eigene Verhalten als Risiko
So vermeidest du fünf Denkfehler und Entscheidungsfallen
Immer wieder geraten Wanderer, Bergsteiger oder Skitourengeher in brenzlige Situationen. Wieso? Weil sie mitunter zur Gefahr für sich selbst werden. Durch Trugschlüsse, verzerrte Wahrnehmung oder Gruppendruck. Alpinjournalist Uwe Grinzinger und Psychologe Alexis Zajetz präsentieren Entscheidungsfallen im Bergsport, in die du nicht tappen solltest.
Die Chromosomenfalle
Der Bergunfall in Österreich ist männlich. Rund 85 % der Todesopfer im Bergsport sind Männer. „Auch wegen hormonell bedingten Geschlechterunterschieden“, sagt Alexis Zajetz. Er ist Psychologe, Psychotherapeut und Mitglied im Ausbildungsteam „Gruppen leiten“ des Alpenvereins. „Für Männer ist Dominanz wichtiger. Sie sind tendenziell risikofreudiger. Im Laufe der Evolution war das ein Vorteil, um sich gegen andere Silberrücken durchzusetzen. Das Problem dabei: Eine Lawine weiß nichts von diesem Vorteil.“ Im Bergsport wird Draufgängertum daher oft zum Boomerang. Dort sind rationale Entscheidungen gefragt. „Und dabei ist die Frau im Vorteil“, erklärt Alexis.
Was du tun kannst:
- Mach dir als Mann bewusst, dass du schnell in Wettbewerbsmodus und Imponiergehabe verfällst.
- In Gruppen setzen sich oft die Lauten durch (häufig Männer), nicht jene mit den besten Argumenten. Höre daher öfter auf die leisen Stimmen. Die sind meistens weiblich – und tendenziell vernünftiger.
Die Motivationsfalle
Eine große Falle heißt „Escalation of commitment“. Alexis erklärt sie so: „Je mehr ich in ein Ziel investiert habe, desto weniger bin ich bereit, es aufzugeben. Wer 60.000 Dollar für den Mount Everest bezahlt und zwei Jahre trainiert hat, will den Gipfel unbedingt erreichen.“ Oft auf Biegen und Brechen. Anfällig sind auch kleinere Vorhaben: Ich muss diese Wanderung unbedingt machen, weil ich nur dieses Wochenende Zeit habe! Und weil die Hütte im Ötztal schon gebucht ist! Der Haken: So landen wir am Glatteis der selektiven Wahrnehmung: Plötzlich lesen wir aus dem Wetterbericht nur mehr heraus, was für unser Vorhaben spricht.
Was du tun kannst:
- „Sieh deine Tourenauswahl nicht als unumstößlich an, sondern hinterfrage sie vor und während der Tour“, rät Alexis: „Würde ich heute umdrehen, wenn ich morgen noch einmal die Chance hätte, diese Tour zu unternehmen – nur bei besseren Bedingungen?“
- Lege dein Tourenziel erst ein paar Tage vorher fest, wenn du die Umsetzbarkeit schon abschätzen kannst. Und überlege dir einen abgespeckten Plan B, falls die Bedingungen doch nicht so gut sind. Niedriger gesteckte Ziele erreicht man leichter und gefahrloser.
- Warte bei schlechtem Wetter ein paar Tage ab. Das ist nicht ängstlich, sondern klug.
Die Best-Buddies-Falle
Zu viele Köche verderben den Brei – zumindest, wenn der Chefkoch fehlt. In Gruppen aus gleichberechtigten Freunden kann unklare Verantwortung zum Fallstrick werden. Alexis schildert ein Skitouren-Beispiel: „Der Erste denkt sich: Wenn mir noch alle nachgehen, wird‘s schon passen. Und hinter ihm denken sich alle: Wenn er vorne noch weitergeht, wird’s nicht so lawinengefährlich sein. Hinterher merkt man: Alle hatten schon lange ein ungutes Gefühl. Aber gesagt hat’s niemand.“ Das Schweigen der Lemminge. Hier werden nicht falsche Entscheidungen getroffen, sondern gar keine. Weil wir in Gruppen lieber mitschwimmen, anstatt uns als Spaßbremse unbeliebt zu machen.
Was du tun kannst:
- Schon vorab konkrete Entscheidungspunkte vereinbaren! Damit bereits beim Start klar ist: Dort besprechen wir noch einmal, ob wir weitergehen – und lassen Einwände zu.
Die Euphoriefalle
Auch das Belohnungssystem im Hirn spielt uns Streiche. „Eine Abfahrt im unverspurten Tiefschnee bedeutet pure Lust“, schwärmt Alexis. „Stell dir vor, ich stehe vor so einem Hang. Da kann es sein, dass das Belohnungssystem vor lauter Gier schreit und bettelt – und deswegen das Frontalhirn überstimmt, das für aktive, rationale Entscheidungen zuständig wäre.“ Dann werden wir leichtsinnig. „Und im Nu fährt der Alexis, betäubt durchs Belohnungssystem, in den Hang, weil der Kurt längst runterschwingt.“
Was du tun kannst:
- Immer wieder stoppen und bewusst reflektieren: Ist das noch klug, was wir hier tun?
- Frage dich: „Was würde ich in der gleichen Situation jemandem raten, den ich sehr gerne habe, etwa meinem Kind oder Partner?“
Die Erfahrungsfalle
Routine erhöht grundsätzlich die Sicherheit am Berg. Außer, sie wiegt uns in falscher Sicherheit. Denn „gut gegangen“ heißt nicht immer „gut gewesen“. Vielleicht ist man nur knapp einem Unfall entgangen, ohne es zu wissen. „Ich kann jahrelang in gefährliche Lawinenhänge reinfahren und Glück haben“, erläutert Alexis. „Das ist wie beim Russischen Roulette: Nur weil ich es zehn Mal überlebt habe, bedeutet das nicht, aus dieser Erfahrung irgendeinen Vorteil fürs elfte Mal zu haben.“ Unser Hirn neigt in solchen Situationen aber dazu, den guten Ausgang fälschlicherweise unserer Kompetenz zuschreiben. Und glaubt: Gefährlich ist es immer nur bei den anderen. Das ist aber eine Fehlannahme.
Was du tun kannst:
- Eigne dir mittels Ausbildungskursen oder Publikationen Wissen an! Denn bei Lawinen ist bewusstes Entscheiden auf Basis von Wissen der Praxiserfahrung überlegen.
- Mach dir bewusst: Auch Experten begehen Fehler. Nur vielleicht nicht ganz so oft wie Anfänger.
Dieser Artikel erschien ursprünglich 2024 und wurde am 24.06.2026 aktualisiert.